Korlinger Pitter-Geschichten von Bernhard Hoffmann


Buch-Beschreibung:

Der PITTER, ein Held aus Korlingen bei Trier. Erzählt werden seine Erlebnisse von der Kindheit bis zum Hereinbrechen der französischen Revolution 1789. So gelingt es ihm beispielsweise, dem Abt der Grundherrschaft St. Martin in Trier eine Kapelle abzuringen, danach auch das gesamte Inventar. Mit List und Beharrlichkeit führt er so manchen weiteren Vorteil für die kleine Ruwertalgemeinde herbei, den Steinbruch, die Weinberge, den Kartoffelanbau u.a. Darüber hinaus hilft er, wo er kann, vermittelt im Streit oder zeigt Klugkeit und Menschlichkeit. Er hat das Herz auf dem rechten Fleck. In 24 Erzählungen entsteht so mit warmherzigem Humor ein ganzes ´Bilderbuch` der kleinen armen Gemeinde in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

 

Autorenportrait:

Bernhard Hoffmann, geboren 1951, lebt in Korlingen bei Trier und schreibt seit seiner Jugend. Er war Lehrer für Deutsch und Religion und von 2000 bis 2013 Dozent in den Bildungswissenschaften an der Universität Trier. 2020 erschien "HEIMAT, Korlingen damals und heute".

 

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DER PITTER. KORLINGER GESCHICHTEN I

Sprache: Deutsch

Umfang: 140 S., 50 farbige Illustrationen von Christina Bublitz

Format (T/L/B): 0.9 x 21.5 x 13.5 cm

Auflage: 1. Auflage 2022

Einband: kartoniertes Buch

Erschienen am 03.01.2022

Preis: 18,90.-€ (zzgl. 1,90.-€ Versand, falls nötig)

ISBN: 9 783755 778547

Einfach per Mail bestellen: hoffmann1530@aol.com


Leseproben:

Gottfried Gans

 

Eine Weihnachtsgeschichte von Bernhard Hoffmann, Korlingen

 

Ach, die niedlichen Gänseküken, die hat der Pitter im kalten Frühjahr vom Trierer Markt mitgebracht, die kleinen gelben Bällchen mit den weichen Schnäbelchen. Die Kinder sind aus dem Häuschen, jedes bekommt eines und darf es benennen. Adam heißt da eines und Eva ein anderes, wie seltsam! Andere heißen Ernst oder Gottfried – was den Kindern so einfällt. Wie können die die denn auseinanderhalten? Aber sie behaupten steif und fest, jedes zu kennen, am Beinchen, am Federchen, an den Augen – glückliche Kinderzeit. Denn die Erwachsenen denken an ganz anderes: Adam gibt Schmalz, Evas Eier machen den Kuchen gelb, Ernst wird die Weihnachtsgans, und Gottfried kommt in die Suppe. „Pfui!“, schreien die Kinder. Aber haben sie recht? Na, lassen wir sie spielen, die Küken herumtragen wie Säuglinge, sie füttern und streicheln. Die Winzlinge folgen ihnen auf Schritt und Tritt, allen voran der Ganter Gottfried. Es ist wunderschön.

Aber als sie größer sind, zischen sie beim Pitter, und bei seiner Frau Katharina gehen sie mit scheelem Blick zur Seite. Und einmal, da verscheucht der Pitter den Gänserich mit weit ausgebreiteten Armen und lautem „Hu!“, weil er ihm im Weg steht. Da zischt der Kerl mit Schlangenzunge, streckt den Hals vor, wackelt mit dem Bürzel – er will tatsächlich den Pitter angreifen.

 

Gott sei dank haben das die Kinder nicht gesehen, aber die Feindschaft ist perfekt: Gottfried, der Ganter, zischt und rennt mit gestrecktem Hals auf den Pitter zu. Und der Pitter zischelt ironisch zurück. „Du Weihnachtsbraten!“, sagt er. „Wer? Was?“, schreien die Kinder. „Die Gans wird zu Weihnachten geschlachtet.“ – „Niemals!“ Vier Kinder, ein Ausruf. „Der Satansbraten, aus, Ende! Wollt ihr hungern?“ – „Dann essen wir Brot und Äpfel.“ – „Pah, das werdet ihr schon sehen!“ Diese Geschichte wird nicht gut enden – für den Ganter. Wozu ist er schließlich auf der Welt. Was sich Kinder so denken …

 

Aber dann kommt eine Wendung. Die Monate gehen dahin, die Gänse werden groß und fett – da freuen sich die Erwachsenen. Und den Kindern sind sie immer noch dieselben Spielkameraden. Sie marschieren mit ihnen durchs Dorf, Gottfried vorneweg, alle hinterher. Bloß lassen sie sich nicht mehr auf dem Arm tragen. Naja, aber Freunde sind sie immer noch.

 

Da passiert Folgendes: Eines Nachts wacht die Katharina vom Lärm im Hühnerstall auf, weckt den Pitter. Der geht mit der Laterne, öffnet die Stalltür – heißa, da ist Leben: Die Hühner flattern gackernd herum, die Gänse schreien – und da, da beißt Gottfried dem Fuchs in den Schwanz, wie der gerade einem Adam oder einer Eva oder dem Ernst an den Hals will. Er beißt und hält fest, der Fuchs kommt nicht zum Zuge und schnappt in die Luft. Aber jetzt ist der Pitter da, und hui, wie schnell der da weg ist. Und das ist gut so, denn ein Fuchs ist das Ende der Hühner, das Ende der Eier, das Ende der Mahlzeit, und die Suppe kommt auch nicht von nichts. So ist das im Leben.

 

Und als der Pitter sich erschöpft hinsetzt und alles Federvieh sich beruhigt hat, nähert sich der Ganter – erst einen Schritt, dann noch einen. Jetzt steht er ganz im Licht der Laterne und zupft sich zwei Federchen aus dem Kleid. Und tatsächlich, jetzt wackelt er zwei weitere Schritte auf den Pitter zu, kein Zischen, kein langer Hals – und sie sehen sich in die Augen, die Gans so schräg, der Pitter mit ungläubigem Blick.

Da nimmt der Pitter zwei Körnchen Futter und streckt ganz langsam die Hand aus – und da streckt der auch seinen Hals und legt seinen orangefarbenen Schnabel auf die Handfläche … Herrgott, was ist das? Dem Pitter ist ganz seltsam zumute, wie er da den Kopf des Tieres in seiner offenen Hand hält. Da muss er schlucken. Ja, es gibt wunderschöne Geschichten, und die hier ist wahr. Fortan geht der Gottfried mit dem Pitter in Stall und Scheune überall mit hin. Wo der eine ist, ist der andere nicht weit. Die Kinder lachen, wenn der Pitter über den Hof geht und sie den hinter ihm her watschelnden Gottfried sehen. Aber der Pitter schämt sich kein bisschen für seine seltsame Freundschaft. Und wenn es niemand sieht, drückt er ihn ein wenig an sich wie einen guten Kameraden.

 

Und wie das so ist: Die Kinder verlieren nach und nach das Interesse an den Gänsen. So sind Kinder, aber es gibt ja auch so viel anderes zu erleben. Und so fällt es nicht besonders auf, dass der Adam und der Ernst und eine Gans nach der anderen bis vor Weihnachten auf dem Teller landen – bloß der Gottfried nicht. Da ist der Pitter dagegen. Seinen Gottfried verspeist niemand. Auch an Weihnachten nicht!

Der Pitter würde ihn glatt zur Bescherung reinlassen, aber da kennt er die Katharina schlecht. Na, bringt er ihm ein paar Lecker­bissen raus und streicht ihm ganz zart über den Hals. Dann wackelt der Gottfried mit dem Kopf, was in Gänsesprache schon recht be­achtlich ist. Und da sitzen sie gemeinsam am Fest des Friedens und der Hoffnung, der Gottfried mit dem Pitter. Und der Pitter hält seine hohle Hand hin, und der Gottfried legt seinen Kopf hinein. 

 

 

 Illustrationen Christina Bublitz (Trier/Berlin)


Der Paradiesbaum

 

Eine Weihnachtsgeschichte von Bernhard Hoffmann, Korlingen

 

Der Pitter kam 1749 zu Welt, des Vaters Freud, der Mutter Freud und Leid zugleich. Er war wild, fragte einem Löcher in den Bauch und war immer irgendwo – tja, und nirgendwo zu finden. Eines Tages war der Pitter nicht mehr da. Auch nicht am Abend. Das war in der Zeit der süßen Düfte, der Bratäpfel und gerösteten Kastanien und der Weihnachtsbäckerei. Die konnte man abends am Himmel rosa leuchten sehen. Dort malten die Engel auch die Holzpuppen an und nähten die Kasper und machten all die anderen Spielsachen. Und weiß Gott, davon besaßen die armen Korlinger Kinder wenig genug. Das Kostbarste waren Glasmurmeln, die jeder hütete wie einen Schatz. In diesen Tagen war alles von Spannung und Erwartung erfüllt und die Kinder waren so brav wie Lämmchen, auch der Pitter. Sie wachten halbe Nächte und horchten: irgendwann musste der Christbaum doch in die gute Stube kommen. Und so manches Kind bekam am Morgen den Sand nicht aus den Augen heraus. Da war der kleine Pitter einer der eifrigsten: der wachte, eine halbe Stunde - und schlief ein – und versuchte das Wachen – und schlief wieder ein und erträumte sich den Baum vom vorigen Jahr. Und noch ein bisschen schöner, höher, geschmückter mit mehr goldenen Nüssen und Äpfeln und Glitzer und Glanz – und wachte mit klopfendem Herzen auf – und schlief endlich ein.

 

Ja, und dann war der Tag vor dem Heiligen Abend schon da. Und der Pitter war mehr krank als gesund und mehr schläfrig als wach – von all dem Warten und dem Duft des Backens und Bratens und Kochens im Haus. – Oha! Die gute Stube war verschlossen! Pitter blinzelte durch

eine Holzritze, drückte die Klinke nieder, sie gab nicht nach. Er musste da drin sein, der Baum. Er musste hinein, gleich wie. Da war kein Denken an das Verbotene, die ungeheuerliche Tat, da gab es kein Zögern, die Trauer der Mutter über das böse Kind, die Strafe des Vaters – kein Gedanke. Mit der Geschicklichkeit eines Einbrechers schlich er mit leisem Tritt über den Flur ins Schlafzimmer der Eltern, das war verboten! Die Tür zur guten Stube war gesperrt, kein Schlüssel zu finden. Zurück zur Tür vom Flur, drückt er die Klinke, um den Widerstand zu erfassen: es musste ein Stock sein. Ein Stoß an die Tür. Lauschen. Ein festerer. Himmel, ein Geräusch! Nur ein Backblech aus der Küche. – Jetzt, es muss sein! Ein Tritt mit dem Fuß, ein Fall – jetzt klopft das Herz so laut, es müssen doch alle hören. Hinaus hinaus!

 

Draußen die Kaninchen gefüttert. Na, Pitter, bald ists soweit, sagt der Vater. Pitter dreht sich geschwind zu den Tieren, der Vater ist mit Holz für den Herd vorbei. Und jetzt ist es beim Pitter wie bei Adam und Eva: da steht der Baum des Paradiesgartens und der zieht ihn zu sich heran. Umgeblickt, gehorcht, geschlichen... Die Klinke bewegt sich, neigt sich ganz herunter, die Tür öffnet sich – und es quietscht! Herrje, schon wieder das Herz. Warum ist es so laut, es kommt bis an den Hals gekrochen. Pitter atmet schwer. Dann drückt er die Tür auf, schnell, mach schnell, Tür zu. Und da steht er. Oh, lieber Herr Jesus, wenn es eine Sünde ist, wie der Pfarrer sagt... ich tu ja nichts, ich schaue nur, ich hebe die Augen bis zur goldenen Kerze, trete näher, mein Arm bewegt sich, meine Hand greift den rotbackigen gezuckerten Apfel, ich schmecke ihn – rumms, da liegt der ganze Baum. Pitter reißt die Hand vor den Mund, um den Schrei zu ersticken. Raus, nichts wie raus. Wohin – wohin –?

 

Natürlich fällt es am Abend auf, dass der Pitter nicht mehr da ist. Na, er wird sich an den Wacken vertrödelt haben, sagen sie. Aber es ist stockfinster, die Sterne glänzen und der Himmel wirft Eiseskälte übers Land. Mein Gott, der Bub! Die Mutter rennt in den Stall, in die

Scheuer, auf den Dachboden. Die Magd wird zu den Nachbarn geschickt. Der Vater geht zu den Wacken. Pitter, wo bist du? Und es wird ihm im beißenden Frost, der die Erde hart macht, deutlich, wie lieb er den Pitter hat. Herrgott im Himmel, hilf! Er irrt umher, zum Wald, bis zur

Höhe, wo man Trier als schwarzes Loch erkennen kann. Er läuft wie irrsinnig die halbe Nacht. Das Suchen hat keinen Sinn. Und so kommt er zurück, es ist Licht in der Kapelle, wo alle beten, auch die Nachbarn mit Johann und Nikla. Die Mutter hat die dicke Kerze angezündet, die Atemstöße gehen als weiße Nebel von den Menschen ab. Der Pitter bleibt verschwunden. Die Suche in Irsch, Hockweiler, war erfolglos. Er wird gestohlen worden sein, es sind böse Zeiten, so denken alle.

 

So also kommt der Heilige Abend. Die Messe ist traurig, der Pfarrer versucht zu trösten, aber gegen das Schluchzen der Mutter und das verhärtete Gesicht des Vaters und die stieren Blicke der Korlinger kommt er nicht an. Der Gesang kommt aus gebrochenen Kehlen. Das Aufstehen und Knieen geht so schwerfällig wie beim Leichenbegängnis. Zuletzt soll das Jesuskind in die Krippe gelegt werden. – Es ist fort! Nicht im Korb hinterm Altar. Küster, wo? Oh, was für ein Heiliger Abend, seufzt der Pfarrer, kein Kind, weder ein lebendiges noch eines aus Holz und Stoff. Der Küster sucht, klappt die Türen im Altar auf, die erste – die zweite – ein Schrei: Da, da! Stille! – Der Pfarrer kommt. Ist er tot? Er greift ihn am Arm, die Augen öffnen sich, er zieht, der Pitter kommt mit wackligen Beinchen heraus. Da steht er, verschmiert, verheult, das Jesuskind im Arm. – Der Küster hat schon geschrien, aber was die Mutter jetzt von sich gibt, lässt jedes Herz erschauern. Sie umfasst ihren Buben und sinkt weinend vor Freude in die Knie. Und dem Vater stehen die Tränen auch in den Augen. Was glaubt ihr, was das für ein Weihnachtsfest wurde –.

 

 Illustrationen Christina Bublitz (Trier/Berlin)


Dies ist die erste von 24 Geschichten um den Korlinger „Pitter“, der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts der Gemeinde mit List und Pfiffigkeit so manchen Vorteil beschert, z. B. die Kapelle, den Steinbruch, die Weinberge u.a. Das Buch mit 50 farbigen Illustrationen der Künstlerin Christina Bublitz (Trier/Berlin) wird so zum ́Bilderbuch` der damals armen kleinen Gemeinde.

 

7 Erzählungen wurden bisher im Trierischen Volksfreund abgedruckt. Eine weitere Weihnachtsgeschichte folgt hier am 22.12.2021.

 

Bernhard Hoffmann