Korlinger Pitter-Geschichten von Bernhard Hoffmann


Lesung in Pluwig - 22. Mai 2022/18 Uhr

Birgit und Bernhard Hoffmann lesen aus den aus dem TV bekannten Pitter-Geschichten, in denen das Leben im 18. Jahrhundert lebendig wird. Held ist darin der Korlinger Pitter, dem es immer wieder gelingt, gegen den Willen der Obrigkeit einen Vorteil für das arme Dorf herauszuschlagen. Dabei ist er ein Vorkämpfer der auch in Deutschland beginnenden Aufklärung und geht gegen Vorurteile und Ungerechtigkeit an.

Die Lesung findet im Rahmen des Pluwiger Kultursommers am Sonntag, dem 22. Mai, um 18 Uhr im Johannesberghaus statt.

 

Die musikalische Begleitung wird Christoph Lauterbach am Piano übernehmen, Originale der Illustrationen von Christina Bublitz werden ausgestellt.

 

Für einen Umtrunk ist gesorgt. Der Eintritt ist frei, um eine Hutspende wird gebeten

 

Wir freuen uns auf Sie!

Bernhard und Birgit Hoffmann

 


Buch-Beschreibung:

Der PITTER, ein Held aus Korlingen bei Trier. Erzählt werden seine Erlebnisse von der Kindheit bis zum Hereinbrechen der französischen Revolution 1789. So gelingt es ihm beispielsweise, dem Abt der Grundherrschaft St. Martin in Trier eine Kapelle abzuringen, danach auch das gesamte Inventar. Mit List und Beharrlichkeit führt er so manchen weiteren Vorteil für die kleine Ruwertalgemeinde herbei, den Steinbruch, die Weinberge, den Kartoffelanbau u.a. Darüber hinaus hilft er, wo er kann, vermittelt im Streit oder zeigt Klugkeit und Menschlichkeit. Er hat das Herz auf dem rechten Fleck. In 24 Erzählungen entsteht so mit warmherzigem Humor ein ganzes ´Bilderbuch` der kleinen armen Gemeinde in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

 

Autorenportrait:

Bernhard Hoffmann, geboren 1951, lebt in Korlingen bei Trier und schreibt seit seiner Jugend. Er war Lehrer für Deutsch und Religion und von 2000 bis 2013 Dozent in den Bildungswissenschaften an der Universität Trier. 2020 erschien "HEIMAT, Korlingen damals und heute".

 

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DER PITTER. KORLINGER GESCHICHTEN I

Sprache: Deutsch

Umfang: 140 S., 50 farbige Illustrationen von Christina Bublitz

Format (T/L/B): 0.9 x 21.5 x 13.5 cm

Auflage: 1. Auflage 2022

Einband: kartoniertes Buch

Erschienen am 03.01.2022

Preis: 18,90.-€ (zzgl. 1,90.-€ Versand, falls nötig)

ISBN: 9 783755 778547

Einfach per Mail bestellen: hoffmann1530@aol.com


27.04.2022 - Neue Geschichte vom Pitter

Der französiche Graf

 

Die blutigen Ereignisse der französischen Revolution von 1789 drangen Stück für Stück bis nach Trier, den einen zur heimlichen Schadenfreude, den andern verhalfen sie zu schlaflosen Nächten; man braucht wohl nicht zu sagen, wer hier gemeint ist. Jedenfalls wusste man auch in Korlingen so ungefähr Bescheid, aber im katholischen Land kam es zu keinen Unruhen, der Herrgott hatte das verboten, sagten die auf der Kanzel. Und der Abt von Sankt Martin war recht großzügig, als der Zehnte schmäler ausfiel –. Eines Tages im Herbst, als der Pitter im Wald ins Holz ging, fand er ein totes Pferd; es machte keinen guten Eindruck, abgehetzt, dürr, verletzt, mit fremdartigem Zaumzeug. Was sollte er machen, Füchse und Vögel würden ihre Arbeit tun. Es ist immer traurig, ein totes Tier zu sehen, zumal wenn es einen mit großen offenen Augen anblickt; das ging dem Pitter nach, aber ins Holz musste er, der Winter stand bevor, und wer nur eine Axt hat, braucht lange, bis das Feuer vier Monate wärmt.

 

Dumpfe Hufschläge auf dem Waldboden, der Pitter merkt erst nicht, dass da drei Soldaten angeritten kommen, Franzosen, das erkennt er gleich an den Farben und Mustern. Sie steigen ab und besehen das Pferd, gehen rundum, durchwühlen die Satteltaschen, stoßen wütend gegen den toten Leib. Einen richtigen Lärm machen sie, schnell hackt das in der anderen Sprache. – Aber jetzt verstummen sie plötzlich, schauen den Pitter an, es fühlt sich nicht gut an. Pitter. was wird das? Den Degen zieht einer und hält ihn dem Pitter an den Hals: Wo ist er? – Wer? – Der Degen drückt stärker: Le comte! – Aber der Pitter hat doch niemanden gesehen, was soll er denn sagen? – Merde! – Das versteht man auch ohne Französisch, und gottseidank ist der Degen jetzt weg. Dann parlieren sie wieder, zeigen dahin und dorthin,

steigen auf und reiten fluchend davon. Dabei sagt man immer etwas von der sprichwörtlichen Höflichkeit der Franzosen, denkt der Pitter. Aber das gilt wohl nicht für Soldaten oder Gendarmen, egal wo sie herkommen. – Puh, glaubt mir, jetzt muss der Pitter erst mal ausatmen. Was er da über die Revolutionäre in Paris gehört hat – ein Menschenleben geht dort schneller als es kommt. – Er geht zum Baumstamm, hackt einmal, zweimal – er muss sich setzen: da hat er nochmal Glück gehabt, zimperlich sind die nicht. Und wie er so schnauft und den Schweiß abwischt, bewegt sich etwas unter dem Pferd, und dann fliegt der Dreck, und dann kommt eine Hand, und noch eine, und dann kriecht da einer hervor, ein ganzer Mensch schiebt sich heraus, da muss ein Loch gewesen sein.

 

Jetzt steht er vorm Pitter, ein Lumpenkerl, verschmutzt und blutend an der Stirn. Der greift wieder in das Loch und zieht einen Degen hervor – der Pitter einen Schritt rückwärts. Herrgott, was für ein Tag! Und den reicht er dem Pitter mit beiden flach ausgebreiteten Händen. Der Pitter versteht, so ist das also, einer von denen, die ... na, lassen wir das, wer wusste das denn so genau? Vielleicht war der hier anders, ein Guter, der seinen Leuten genug zu essen gibt und ihnen die Schulden erlässt; einer, der Frau und Kinder zu Hause hat lassen müssen, und wer weiß, ob sie noch leben. Vielleicht aber auch nicht, und er war ein Leuteschinder und hatte ein Dutzend Menschen auf dem Gewissen. – Vielleicht, vielleicht; dem Pitter geht es durchs Hirn, nach links, nach rechts, und zu keiner Lösung. Jedenfalls ist es ein Mensch; so bricht er das Hin und Her ab, reicht dem Fremden die Hand und führt ihn heimlich nach Hause. Denn das ist dem Pitter klar, weg kommt der vorerst nicht. – Grobes konnte er nicht, für jede handwerkliche Arbeit war er nicht zu gebrauchen: da stürzte er in den Mist, da lief ihm das Kalb davon, da spießte er seinen Fuß mit der Gabel auf, da blutete er schon wieder – ungeschickt ohne Ende. Aber in der Küche, da gelang ihm alles, da hielt er sich gerne auf; und nicht, weil es da warm war, sondern er konnte kochen, backen,

braten und alles. Der Katharina zeigte er, wie man Kartoffeln im heißen Fett frittiert, wie man Gestampfte in feiner Makronenform leicht aufbacken kann, wie man Wein zum Braten, zu Sahne, zu Kuchen gibt. Vom Schwein nahm er die Füße, den Kopf, die Ohren und zauberte

etwa Essbares daraus, besonders die Schweinsbäckchen in roter Weinsoße, eieiei! Mit den Kindern brachte er Pilze, die er vor ihren Augen aß, und lehrte sie sie kennen. Dem Pitter gab er eine Liste mit Gewürzen, die er vom Trierer Markt mitbringen sollte. Und von da an schmeckte alles anders – ja, erst mal anders, merkwürdig, neu, aber dann wollte man es nur noch anders. – Ja, und dann sitzt er traurig in einer Ecke und starrt vor sich hin. Einmal zeigt er auf die Katharina und macht das Zeichen vom Halsabschneiden, dann auf zwei der Kinder – die lachen und machen es nach. Da weint er –. Vom Pfarrer weiß der Pitter inzwischen, wen er da vor sich hat. – Die Männer stänkern. Es ist ein Mensch, sagt er zu den Korlingern, und er ist unser Gast, haltet den Mund! – Immer wieder findet man ihn in der Küche. Und dann steht da in einem Holzfässchen, in das er Löcher gebohrt hat, ein halbfester Käse; und daneben einer mit gelblichem Rand; und daneben ein talergroßer mit grünen Blättern, der stinkt. Alle probieren: Hm, lecker! Warum schmeckt der so frisch und der so würzig und nicht so ranzig wie die Selbstgemachten? Da zeigt er, dass er den gelben mit Wein eingerieben und den harten in Weinblätter eingewickelt hat.

 

So vergeht einige Zeit, viele Wörter mehr können sie jetzt auf beiden Seiten, und es wird klar: er will weg: nach Luxemburg, da seien Freunde, die ihm helfen könnten. Pitter, Lüx, bitte! Na, da muss sich der Pitter wieder mal was einfallen lassen, einen großen Mann zu transportieren, ist ja kein Kinderspiel. – Es ist Viezzeit, die Fässer werden gereinigt – das ist es! Ins größte passt er hinein, da muss man Dauben herausnehmen, kleinste Luftlöcher in den Deckel bohren, eine zweite Lage Holz hineinlegen, Decken, Brot, und ab gehts mit Hug. Alles geht gut. Bis an die Wasserbilliger Brücke. Halt, was drin? – Viez! – Probieren! – Herrgott, und jetzt? Aber so schlau ist der Pitter schon, dass er mit den gierigen Beamten gerechnet hat: unter dem Holzsitz schwimmt der Viez, der läuft jetzt aus dem Spundloch in die Becher. A la votre, à la votre! –. Puh, wie die das Maul verziehen und das Gesöff ausspeien. Verhaften müsste man dich! Hau bloß ab! – Der Pitter hatte nämlich den umgeschlagenen Viez eingefüllt, den brauchten sie als Essig. Flugs weiter. Und alles geht gut bis Grevenmacher. Dort lässt er ihn nachts aus dem Fass. Der Mensch umarmt ihn, küsst ihn rechts und links und wieder rechts und links und heult wie ein Schlosshund. Da wird es dem Pitter auch ganz warm ums Herz. – Aber noch wärmer wurde es ihm sieben Jahre später von einem kleinen Fass Burgunderwein, das mit einem deutschen Brief ankam, ein Dank vom Comte Montchaillon de La Roche bei Dijon, der seinen Retter nicht vergessen hatte.

 


Als die Re­vo­lu­ti­on das Trie­rer Land er­fass­te

 

Au­tor Bern­hard Hoff­mann aus Kor­lin­gen (Land­kreis Trier-Saar­burg) er­zählt ei­ne neue Ge­schich­te vom Pit­ter aus dem 18. Jahr­hundert. Dies­mal geht es um ei­nen po­li­ti­schen Ge­fan­ge­nen.

 

Am 14. Ju­li 1789 ge­schah die gro­ße eu­ro­päi­sche Um­wäl­zung in Frank­reich, die ih­re Sa­men in die gan­ze Welt und auch nach Deutsch­land trug: Ver­kün­dung der Men­schen­rech­te, Auf­he­bung des Feudal­systems – ja, das al­les war über­fäl­lig, so viel wer­det ihr zu­ge­ben. Die Markt­frau­en zwan­gen den Kö­nig nach Pa­ris, schon im Ok­to­ber wur­den die Kirchen­güter ein­ge­zo­gen. Flug­schrif­ten ge­lang­ten auch nach Trier, po­li­zei­lich ver­bo­ten, aber der Jo­hann las sie. Auch der Pit­ter las sie. Von oben nach un­ten, al­les – aber dass es „zack, zack“ ging und von heu­te auf mor­gen, das ge­fiel ihm nicht so ganz. „Die Men­schen sind nicht so gut“, sag­te er. „Du siehst nicht un­ser Recht auf Frei­heit und Gleich­heit“, schimpf­te der Jo­hann. „Was ist denn so ein Kur­fürst, ein ‚von und zu‘, an­de­res als ein Mensch wie ich und du? Er hat doch da­zu nichts, aber auch gar nichts ge­tan, wäh­rend wir uns Tag für Tag mü­hen und ab­ra­ckern und doch zu nichts kom­men!“

Der Jo­hann war wü­tend und wild, die Flug­schrif­ten ga­ben ihm Zun­der. Je­des Wo­chen­en­de ging er nach Trier, traf dort die Ka­me­ra­den, die ge­nau­so dach­ten. Der Pit­ter mein­te, das sei al­les wahr und gut. Nun müs­se man den Wan­del aus­hal­ten, nicht die Ge­walt und die Ge­weh­re be­stim­men las­sen, was Recht und Un­recht sei. Der Jo­hann schrie ihm ent­ge­gen, dass er ein fei­ger Mensch sei, ge­bo­ren zum Un­ter­tan, gar ein Aristokraten­freund. Wo ge­ho­belt wer­de, „fal­len nun mal die Spä­ne“. Ho­beln sei nö­tig, sag­te Pit­ter, da sei er da­für. Aber wenn die Spä­ne Köp­fe wür­den, wä­re das ja wie­der ge­gen die Men­schen­rech­te. Ein Haar­spalter sei er, warf der Jo­hann ihm vor, über­haupt: noch ein Freund?

Je­den Sams­tag­abend traf der Jo­hann sich jetzt mit sei­nen Gleich­gesinnten. Aber die kur­fürst­li­che Auf­sicht wuss­te um die Ge­fahr für ih­ren Stand und hat­te ih­re Spit­zel. Je­den­falls ver­gin­gen kei­ne drei Mo­na­te, und der Jo­hann wur­de noch spät­abends ab­ge­führt we­gen Auf­ruhr und all dem. Er saß al­so auf der Haupt­wa­che in der Zel­le, die für die Aus­nüch­te­rung war. Denn wo po­li­ti­siert wird, wird auch viel ge­trun­ken – zu viel. Da sind man­che Sät­ze we­ni­ger klug, an­de­re wirk­lich dumm oder aber in der Hit­ze vol­ler Ge­walt mit Mord und Tot­schlag. Und es braucht nur ei­nen ge­schick­ten An­peit­scher, und die hal­be Knei­pe hebt den Porz Viez auf den Kö­nigs­mord. Der das ge­sagt hat­te, war zum Hin­ter­aus­gang hin­aus, die an­de­ren schnapp­te die Po­li­zei, die das Ge­schrei auch noch be­zeu­gen konn­te, weil die Blö­dia­ne nicht ein­mal ei­ne Wa­che auf­ge­stellt hat­ten.

Na, da sitzt der Jo­hann jetzt al­so in der Zel­le auf der Haupt­wa­che, und ihm dro­hen Ge­fäng­nis­stra­fen oh­ne En­de. Nach Kor­lin­gen lässt er am nächs­ten Tag mel­den, er ver­tei­di­ge die li­ber­té, die éga­li­té und die fra­ter­ni­té. Fra­ter­ni­té, das kann der Pit­ter auch über­set­zen. Aber für ei­nen Kas­per ein­tre­ten, der Hals über Kopf die neue Zeit ein­rich­ten will, was dann die­sel­ben kos­ten könn­te – tja, Pit­ter, was machst du? „Jo­hann, oh Jo­hann! Aber Un­recht soll nicht sein!“

So geht er al­so am nächs­ten Tag früh­mor­gens nach Trier, di­rekt zum Ge­richt, das war von der Haupt­wa­che nicht weit. „Jo­hann, oh Jo­hann!“ Am Fran­ken­turm, am Haus ge­gen­über, schimpf­te ein Mann ei­nen Schlos­ser aus, sei­ne Tür sper­re im­mer noch nicht. Der Pit­ter sah hin – und durch den Haus­flur am an­de­ren En­de den hel­len Son­nen­schein im Hof, und das war sei­ne Er­leuch­tung: Da rein, hin­ten raus? Denn das war of­fen­sicht­lich, dass ein Po­li­zist den Jo­hann hier vor­bei zum Ge­richt brin­gen muss­te. „Ja ja“, brumm­te der Schlos­ser, „mor­gen kommt ein neu­es“. Der Pit­ter ging wei­ter. Und nach­dem die Strei­te­rei be­en­det war, wie­der zu­rück: Die Tür öff­ne­te sich, der Hof leuch­te­te ihm ent­ge­gen. Kei­ner da und Gott sei Dank kein Hund. Dort war ei­ne halb­hohe Mau­er, da­hin­ter ein Gar­ten mit Zaun, da­hin­ter die Quer­straße … Da war der Plan fer­tig.

Sei­ne Frau Ka­tha­ri­na und den Nik­la weiht er am Abend ein. „Ei, Pit­ter, willst du auch im Bul­les lan­den? Ge­fähr­lich ist das.“ – „Eher geht es schief, als dass es ge­lingt. Zu zweit, wie soll das ge­hen? Un­mög­lich, das Gan­ze; zu ris­kant!“ Pit­ter re­det auf sie ein wie auf ein kran­kes Pferd, pau­sen­los: Wie un­ge­recht das sei. Der Jo­hann hät­te doch auch ein Recht auf Mei­nung. Die ho­hen Her­ren sä­ßen längst nicht mehr so fest im Sat­tel – vie­le sei­en jetzt auf­fal­lend gro­ß­zü­gig. Was in Frank­reich gin­ge, könn­te auch bald hier ge­sche­hen. In Saar­brü­cken hät­ten sie den gan­zen Win­ter über Frei­hei­ten vom Fürs­ten Lud­wig ge­for­dert und be­kom­men. Klug müs­se man es eben an­stel­len. „Wie denn?“, frag­ten die bei­den. Und nach­dem Pit­ter es er­klärt hat, gibt ihm die Ka­tha­ri­na ih­ren Se­gen: „Mach es, du hast recht.“ – „Und du, Nik­la?“ – „Hm, ja …“ – „Al­so ab­ge­macht!“ Und flugs drückt ihm der Pit­ter die Hand, nimmt ei­nen Zwirbel­bart und hält ihn dem Freund un­ter die Na­se. Da la­chen sie.

Mor­gens ste­hen sie in der Dietrich­straße, der Pit­ter am Fran­ken­turm, der Nik­la ober­halb des Hau­ses mit dem ka­put­ten Tür­schloss. Sie ha­ben al­les aus­pro­biert, al­les vor­be­rei­tet, und den­noch klop­fen die Her­zen, und der Nik­la schwitzt durch al­le Hem­den und Ja­cken. War­ten … Ach, Herr­je, da kom­men sie schon, der Jo­hann ge­fes­selt, ge­führt von ei­nem Blau­en. Der Pit­ter, von un­ten kom­mend im Sonn­tags­staat mit Schnauz­bart und schwar­zem Hut über den Au­gen. Ge­nau vor dem Haus lässt er ei­nen Gul­den fal­len, der kul­lert dem Blau­en vor die Fü­ße. Und dann, als der sich bückt, bückt sich auch der Pit­ter und stö­ßt mit sei­nem kräf­ti­gen Schä­del dem die Müt­ze vom Kopf – wie un­ge­schickt! „Depp, blö­der!“, schreit der und greift nach der rol­len­den Kap­pe. Da bückt sich der Pit­ter. Rumms! Schon wie­der sto­ßen sie zu­sam­men. „Kerl, er!“, brüllt der Blaue und sieht sich um: Der Jo­hann ist weg! Den hat der Nik­la schnell in den Gang ge­zo­gen und die Tür wie­der flugs ge­schlos­sen. „Da oben, da oben!“, schreit der Pit­ter, zeigt Rich­tung Fleisch­stra­ße. „Den sind sie los!“

Der Pit­ter geht um die Ecke, da steht schon Hug, das Pferd, mit dem Fuhr­werk voll Heu. Die schö­ne Ja­cke aus, den Hut weg, ei­ne schmut­zi­ge De­cke über die Bei­ne ge­zo­gen, den Bart noch ab mit ei­nem Ruck. Und da kom­men sie schon, der ent­fes­sel­te Jo­hann mit Nik­la, dem die schwit­zi­gen Haa­re ins Ge­sicht hän­gen – hin­ein ins Heu al­le bei­de und ab.

Das wa­ren nun vier Kri­mi­nel­le auf dem Weg nach Kor­lin­gen, das könnt ihr nicht be­strei­ten. Der Jo­hann, der Nik­la und na­tür­lich der pfif­fi­ge Pit­ter und ... Aber nein, Hug wol­len wir doch aus­neh­men, denn ein Pferd ist ein Pferd, und das ist ja wohl grund­sätz­lich nicht schuld­fä­hig.

 

24 Pit­ter-Ge­schich­ten von Bern­hard Hoff­mann sind als Buch er­schie­nen: „Der Pit­ter – Kor­lin­ger Ge­schich­ten I“, 140 Sei­ten mit 50 far­bi­gen Il­lus­tra­tio­nen von Chris­ti­na Bu­blitz, 18,90 Eu­ro, In­fos per E-Mail an hoff­man­n1530@aol.com oder im Buch­han­del, ISBN: 9783755778547.


23.02.2022 - Neue Geschichte vom Pitter

Wenn Amors Pfeil sehr tief fliegt

 

Al­le sa­hen es und wuss­ten es, und Klatsch und Tratsch ma­chen ja am meis­ten Spaß. Bloß: Es ging ein­fach nicht vor­an mit den bei­den. Sonn­tags in der Kir­che, da sah man die heim­li­chen Bli­cke vom An­ton hin­über zu ei­ner Bank auf der Frau­en­sei­te und wuss­te, war­um die Ma­rie im­mer nur ganz ge­ra­de nach vor­ne schau­te. Es war zu köst­lich, zu­wei­len ver­gaß man so­gar die Pre­digt.

Aber es ging eben nicht vor­an mit dem An­ton aus Irsch und der Ma­rie aus Kor­lin­gen. Je­den­falls be­leb­te es den Gottesdienst­besuch. Die Kor­lin­ger gin­gen näm­lich zur Kir­che über den Berg nach Irsch. Da hat­ten die bei­den sich ge­se­hen – autsch! Und da hat­te es ge­funkt, so hef­tig, wie das eben manch­mal geht. Und nach der Mes­se hielt man sich ach so ger­ne vor der Kir­che auf und ge­noss, dass der An­ton je­de Wo­che ganz zu­fäl­lig ei­nen Schritt nä­her hin­ter der Ma­rie her­ging.

Da er­barm­te sich der Pit­ter und nö­tig­te dem An­ton je­des Mal ein Ge­spräch auf, da­mit er ein paar Hun­dert Me­ter wei­ter mit­lau­fen konn­te. Die bei­den freun­de­ten sich so­gar an, wo­bei das Ge­spräch re­la­tiv ein­sei­tig war. Denn der An­ton mach­te höchs­tens „Ach so“, „Ja ja“, „So so“ und „Hmm“ und hat­te nur Au­gen – na, für wen wohl? Dann kam er zum Pit­ter nach Kor­lin­gen, um mit ihm zu re­den. Wor­über? Tja, über ei­nen Stiel vom Beil und ei­nen Schleif­stein und die Vor­zü­ge der neu­en Gür­tel­schnal­len und so wich­ti­ge Sa­chen. Ko­misch, da lief die Ma­rie über den Hof: zu den Hüh­nern und von den Hüh­nern, in den Stall und aus dem Stall und in den Gar­ten und so wei­ter. Aber die sah den An­ton gar nicht, über­haupt nicht, und hör­te ihn auch gar nicht. Das lag aber dar­an, dass der An­ton im­mer ver­gaß, was er sa­gen woll­te und scharf über­le­gen muss­te.

Da wur­de es dem Pit­ter zu bunt. So viel Blöd­heit beim An­ton und so viel Salz im Ku­chen und Zu­cker in der Sup­pe bei sei­ner klei­nen Schwes­ter gin­gen ihm ge­hö­rig auf den Geist. Als nun der An­ton ei­nes Ta­ges wie­der­kam, war er vor­be­rei­tet. „Ma­rie, komm schnell!“, schrie er. „Das Kalb ist aus­ge­büxt. An­ton, rasch, hilf!“ Und der An­ton lief hin­ter dem Pit­ter her, und die Ma­rie flugs aus dem Haus. An den Ka­nin­chen vor­bei, hin­ter der Scheu­ne ent­lang, von dort zwi­schen Holz­schup­pen und Stall zu­rück. Rumms! Da fällt der An­ton der Län­ge nach hin. Er rap­pelt sich ge­ra­de auf und dreht sich um, um nach der Ur­sa­che zu su­chen, als – hui! – die Ma­rie auf ihn drauf­fliegt, der Län­ge nach. Ob es ein ur­zeitlicher Beu­te­griff oder be­herz­tes Aus­nut­zen der La­ge ist, je­den­falls um­klam­mert der An­ton die Ma­rie mit bei­den Hän­den. Und ob es schreck­haf­tes Er­star­ren oder ei­ne so­zu­sa­gen raf­fi­nier­te List der Ma­rie ist – wer weiß das? Je­den­falls blei­ben bei­de so lie­gen und star­ren sich an. So kann der Pit­ter heim­lich die Schlau­fe des Seils am Schup­pen lö­sen und zieht es un­be­merkt von der an­de­ren Sei­te in die Scheu­ne zu­rück. Na­tür­lich war er darüber­gesprungen, wo es die bei­den um­ge­ris­sen hat. Pit­ter, Pit­ter! – Die bei­den sit­zen ne­ben­ein­an­der da und fra­gen sich, ob es weh­tut und wo und fas­sen sich an Kopf und Oh­ren, Ar­me und Hän­de. Und der An­ton streicht der Ma­rie über die Haa­re und die Ma­rie dem An­ton über die Stirn, wie man das bei klei­nen Kin­dern macht.

Dann – na, das war schon ei­ne gan­ze Wei­le spä­ter – be­glei­te­te die Ma­rie den An­ton den hal­ben Weg. Die Wie­sen wa­ren so grün und die Fel­der so gelb und der Him­mel so blau – so war es noch nie ge­we­sen, ehr­lich. Und der An­ton hör­te zum al­ler­ers­ten Mal, dass die Vög­lein so wun­der­bar sin­gen. Gott, wie schön das al­les war. Oben an­ge­kom­men auf der Kor­lin­ger Hö­he, ver­ab­schie­de­ten sie sich und ga­ben sich vol­ler In­brunst – die Hän­de. Und der An­ton sag­te zu Ma­rie: „Ma­rie!“ Das ist zwar nur ein Wort, aber über­setzt hei­ßt das: „Lie­bes, Liebs­tes, Al­ler­liebs­tes, ich lie­be dich jetzt und im­mer­dar, willst du mei­ne Frau wer­den?“ Das ver­stand die Ma­rie na­tür­lich und ant­wor­te­te: „An­ton!“ Und das ver­stand der na­tür­lich auch.

So rann­ten sie nach Hau­se, die Ma­rie mit flie­gen­den Rö­cken und ra­sen­dem Her­zen, der An­ton ein Kin­der­lied sin­gend, von Bi­en­chen, summ, summ, summ. Je­den­falls wa­ren die bei­den bald da­nach ver­hei­ra­tet, und die Ma­rie zog zum Wein­bau­ern An­ton nach Irsch. Ver­rückt, was Amors Seil so an­stif­ten kann.

 

24 Pit­ter-Ge­schich­ten von Bern­hard Hoff­mann sind als Buch er­schie­nen: „Der Pit­ter – Kor­lin­ger Ge­schich­ten I“, 140 Sei­ten mit 50 far­bi­gen Il­lus­tra­tio­nen von Chris­ti­na Bu­blitz, 18,90 Eu­ro, In­fos per E-Mail an hoff­man­n1530@aol.com oder im Buch­han­del, ISBN: 9783755778547.


24.01.2022 - Neue Geschichte vom Pitter

Das Korlinger Wasser 

 

 (Anmerkung: Seit 1794 haben die Franzosen Trier und das linksrheinische Gebiet besetzt. Trier wird Hauptstadt des Saardepartements.)

 

Da war plötzlich so ein Gerücht im Dorf und alle glaubten. Das kann schnell gehen mit dem glauben, entweder wenn es ernst wird oder wenn es jemandem nützt –. Sogar von Irsch kamen sie oder von Filsch: da war nämlich eine Heilquelle oberhalb der Wacken entdeckt worden, von wem bloß? Denn das Wasser hatte der Pitter schon so manchen Winter quillen sehen. Und jetzt war das eine ´wundertätige` Heilquelle –. So kamen also die Menschen mit den Augenleiden, dem harten Husten, dem Ischias und Zipperlein, dem Kreuzweh, Bauchweh und was es sonst noch so gibt, denn so genau wusste das natürlich keiner, wofür oder wogegen das Wasser helfen sollte. – Wir gehen ins Mittelalter zurück, schimpfte der Pitter bei der Katharina. Aber die meinte, man solle die Menschen tun lassen, was sie wollten. Der Glaube versetze Berge, sage der Herr Pfarrer. – Ja, Herrgott, aber anstatt zum Arzt zu gehen, saufe man jetzt schmutziges Regenwasser; das sei vielleicht der schnellste Weg in den Tod.

Die Sache nahm einigen Aufschwung, die Menschen kamen und füllten das Wasser flaschenweise ab, das Korlinger Wasser wurde berühmt, kann ich euch sagen, bis zur Mosel herab. Am blödesten waren die, die lästerten und lachten – und nachts sah man sie mit vollen Flaschen heimkommen. Am schlimmsten aber trieb es die eine aus dem Dorf, die beim ersten Vollmond nach der Wintersonnenwende abgefüllte Flaschen für teuer Geld verkaufte. Die seien dreifach wirksamer. Sogar eine Prozession pilgerte den Berg hinauf! Da könnt ihr euch vorstellen, dass dem Pitter der Kragen platzte –.

Er ging zum Pfarrer, der solle den Unsinn unterbinden, schon 1784 habe Kurfürst Wenzeslaus solcherlei religiöse Missbräuche verbieten lassen. Und die Franzosen wären wohl kaum entzückt, wenn sie von dieser unvernünftigen Heilerei zu hören bekämen. – Na, deren Tempel der Vernunft, die jetzt die Kirchen ersetzen sollten, hülfen den Menschen auch nicht. Ohne den Glauben wäre der Mensch wie ein hilfloses Stöcklein auf dem Wasser. – Aber die Medizin sei ein Gottesgeschenk und könne besser heilen als Grundwasser, das im Winter den Berg herunterlaufe. – Der Mensch brauche etwas zum Festhalten. – Kurpfuscherei sei das, Geldmacherei und Betrug dazu. – Pitter, die Wege des Herrn sind unerforschlich, sagt der Pfarrer. – Der Pitter schaut ihn nur lange an – dreht sich um und geht. – Da lebt man im 19. Jahrhundert, die Pest ist besiegt und die Kaiserin Maria-Theresia hat die gesamte Bevölkerung mit Medizin gegen die Pocken impfen lassen, und die Scharlatanerie geht immer so fort, schimpfte er beim Nikla. – Die Alte verdiene sich dumm und dusslig, jetzt habe sie sogar besondere braune Flaschen, so kleine medizinische wie in der Apotheke, sagte der.

Aber eines Morgens, als der Pitter sehr früh auf ist, um nach Trier zu gehen, hört er das Klicken von Flaschen. Mit einem Handwagen sieht er die eine kommen: Aha, wieder Regenwasser abgefüllt? – Was geht’s dich an? – Heute Nacht war aber kein Vollmond. – Das ist auch anderes Wasser. – So? – Für ärmere Leute, die Arznei ist billiger. – Und jetzt passt auf, denn der Pitter kriegt sie dran: Arznei, soso! Und gleichermaßen wirksam? – Natürlich nicht. – Klar, sind ja keine Vollmondernten, lacht der Pitter. – Aber sie wirken wundertätig, keift die Alte. – Bloß, dass man mehr kaufen muss, wenn man geheilt werden will, stimmts? – Wie? Was? Warum? – Das versteht sie nicht, und der Pitter lässt sie stehen und geht kopfschüttelnd davon.

 

Na, da geht er nach Trier und dann wieder zurück den Filscher Berg hoch – und da hat er sie schon, die Idee, wie der das Handwerk zu legen ist. Mit dem Nikla geht er noch vor Morgengrauen zur ´wundertätigen Quelle`, lauter Kerzen und Votivtäfelchen stehen da. Und jetzt graben sie 200 Meter über dem Ausfluss Gräben nach links und nach rechts ins Feld, wie die Äste eines Baumes sieht das aus. Das hat er im Nutzbringenden Rathgeber für den churtrierischen Landmann gelesen, wenn es um die Entwässerung von Feldern geht. Und so verläuft sich die scheinbare Quelle – da hat der Pitter kein bisschen ein schlechtes Gewissen. Denn dann wird das nichts mehr mit der Quacksalberei und dem unverschämten Profit der einen im Dorf, und die Leute gehen zum Arzt statt unreines Wasser zu trinken. – Achje, wie sie schreien und zetern und klagen. Jetzt ist die Quelle versiegt! Der Herr will sie strafen! – Tja, die Wege des Herrn sind unerforschlich –.